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Jochmet

Principia Discordia
or How I Found Goddess and
What I Did to Her When I Found Her


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Aus dem Tagebuch eines Wachmanns


29.10.2004
Gestern zwiespältiges Lob einkassiert. Stand während der Eingangskontrolle im Kurzarmhemd an der Tür. Kundin kam auf mich zu und meinte, abstossend-übergriffig grinsend: "Ah! Es gibt noch Männer mit Hitze. Sehr gut!" Scham. Massive Selbstzweifel: Prostituiere ich mich?

01.11.2004
Shit. Seltsamer Tag.
Beinahe ersten Kampfeinsatz im Dienst erlebt. Das Element durch Aufmerksamkeitsentzug ins Leere laufen lassen. Circa 50 jähriges Männchen mit Lippo, Halstuch und Denker-Hut. Hat ohne ersichtlichen Grund auf dem Weg von der Bushalte bis zum Eingang (6m) 5 BürgerInnen beleidigt, angebrüllt, irritiert, komplett verstört, bedroht und ungefragt zum Duell gefordert "Is was?! Willste was?! Komm her!"! Er schien sich von imaginären Kräften verfolgt und bedrängt zu fühlen. Er war sich seiner Sache sicher, fühlte sich 100% im Recht und wirkte konsequent. Immer wenn er mir im folgenden über den Weg lief stiess er ein bellend-aggressives Husten aus. Gefährlich.
Freundlich Afro-(amerikanische?)Kundin zum Platz machen gebeten. Ihr entgleisten zuckend die Gesichtszüge, als hätte ich ihr eine Pistole an die Stirn gehalten.
Cheffe bot mir als Lohn für Loyalität und Konsequenz an, fortan als Ladendetektiv zu arbeiten. Vorteil: Zivilkleidung, mehr Geld, mehr Abwechslung. Nachteil: "Schmutzigere" Arbeit. Verhaftungen und Verhöre. Mehr Ärger mit Elementen vorprogrammiert. Hab ihn vertröstet.

02.11.2004
Luxus! Urban Myth im Dienst verifiziert. Hausmeister beim Ausleeren der Mülltonne beobachtet. Restmüll, Gelber Punkt, Papier.
ALLES WIRD WIRKLICH ZUSAMMENGEKIPPT!! IN EINEN SACK!!!
j., lässt sich jetzt nix mehr erzählen

05.11.2004
Ereignisreicher Dienst. Bauernproteste in der Innenstadt. Aggressive, stinkende Traktorenkolonne, geschmückt mit selbstgemalten behinderten Plakaten gegen Wucher und Zins oder was weiss ich. Unstylish.
Als ich ein ausgemergeltes Rauchermännchen, in der Hand Meldebögen des Arbeitsamtes, vom Eingang höflichst vergraulen wollte, fühlte dieses sich vorbeugend persönlich diskriminiert.
Es stellte frech die Hassfrage für jeden Mitarbeiter der Branche: "Warum?"
Nach meiner improvisierten Antwort brach es verzweifelnd-stotternd aus ihm heraus, hart an der Grenze zur Dekompensation. Es arbeite bei der niederländischen Polizei und habe seinen Ausweis in der Tasche (5x wiederholt). Wenn es den raushole, könne es da stehen bleiben und müsse sich nix sagen lassen. Ich war kurz ratlos, hielt ein internes Plenum und dachte mir, das mit ihm nicht gut Kirschenessen ist. So versicherte ich ihm unter ausgiebigen Dankesbekundungen, dass ich das alles wissen würde und das ich ihn ja genau deshalb freundlich gebeten hätte. Es zog von dannen, weiter als ich es jemals hätte schicken wollen. Irre.
Zu allem Überfluss noch von minderjährigem Türken angesprungen worden. Sah ihn nur aus den Augenwinkeln Anlauf direkt auf mich zu nehmen. Als er unter sanftem Streifen an mir vorbeiflog, knallte er ohne meine Beihilfe (ehrlich, torsun!) an den Pfosten der Tür. Währenddessen stiess er triumphierend ein ziegenhaft-meckerndes Lachen aus. War verwirrt. Langes Grübeln über die Motivlage. Ergebnis:
Strafbedürfnis aus Vatersehnsucht.

08.11.2004
So. Alea jacta est, wie man sagt.
Wer auf Anekdoten aus der Welt der Ladendetektive gewartet hat, muss leider von mir enttäuscht werden.
Sei nicht sauer, die Sache ist mir einfach zu heikel.
Ich beuge mich der Gewalt.

Noch dazu bin ich zu peacig zur Zeit, um so eine Ätz-Tour wie Leute verfolgen, festnehmen und anzeigen zu fahren.

Gibt zu viele durchgeknallte Elemente die Ärger machen (z.Zt. v.a. Russkis auf Lederjackendiebestour, Junkies und Weihnachtspsychotiker), mit denen ich nichts zu tun haben will, denen ich dann Ärger machen muss und die dann wiederrum mir *richtig* einen ****** verpassen wollen.
Das ganze noch in dem Gebiet zu tun, in dem ich abhänge, arbeite,kaufe, Bier trinke etc., killt die Lebensqualität, hab ich mir von gewissen kundigen Leuten sagen lassen.

Das Wachmann-Tagebuch wird freilich weitergeführt.

09.11.2004
Dienst unter verschärften Bedingungen. Der Regen und der Kälteeinbruch erschweren den Arbeitsauftrag:
Gruppenbildung im Eingangsbereich verhindern.

Unter widrigen Umständen rücken die Artgenossen enger und massierter im beheizten Eingangsbereich zusammen. Bald fangen sie noch an sich zu lausen. Sie reagieren auf freundliches Verscheuchen in die Kälte mittlerweile mit erhöhter Reaktanz und fordern Begründungen. Die Interventionsrichtung hat sich von der emotional-territorialen Ebene auf die basale Bio-Überlebens-Ebene verschoben. Das erklärt so einiges. K*cke.

Fast Ärger mit kleinwüchsigem Mann gekriegt (neben Behinderten *das* Poblemklientel, vor allem wenn sie eine Frau dabei haben, die grösser ist als sie selbst). Im Vorfeld durch Ignoranz gekontert. Stand am Eingang eigentlich im Weg, als ich um die Ecke bog. Als er mich sah, straffte sich seine Körperhaltung. Fäuste ballen. Fixierender, fordernder Blick. Kognitive Abläufe: finsteres Brüten. Vorgerecktes Kinn. Kompensatorische Schulterpolster.
Defensive Status-Aggression.
Kleiner Alarm bei mir! Sofortige Umstellung des Blick-Modus auf peripheres Sehen bei gerader Haltung, um sowohl eigene Hoch- als auch Tiefstatus-Position zu vermeiden. Langsam weiterlaufen.
Vermeiden.

11.11.2004
Ungefragte Verbrüderungsszene auf rassistischer Grundlage.
Ein alter feister Mann mit üppiger Grindkruste um den Kopf erkundigte sich, ob die Klo-Mitarbeiter bei derselben firma arbeiten würden wie ich. Es würde sich um "Neger" handeln. Ich nickte wissend. Er hätte ja nix gegen Ausländer, schliesslich war er selber mal einer. Für ein Jahr in der Schweiz. Unbewegtes Nicken meinerseits. Aber die Klo-Mitarbeiter seinen faul und schliessen die Klos ab, weil sie nicht putzen wollten. Aha. Soso. Das wäre nämlich schlimm, weil er gerade von Arzt kam, und der im Medikamente gegen, man errät es kaum: Inkontinenz, verschrieb und schliesslich hat man ja auch bezahlt, da wird man ja wohl noch mal dürfen und überhaupt. Ich war gerührt und sprachlos von soviel Vertrauen, das mir ein Unbekannter spontan entgegenbrachte und kam mir vor wie ein unverständiges Pissior. Konfrontiert mit Inkontinenz auf der ganzen Linie: emotional, politisch, sozial und genital.
Opferopferopfer!

16.11.2004
Mit Mühe und unter der Aufbietung sämtlicher sonderpädagogischen Resssourcen den Chefdetektiv daran gehindert, einen Brief mit 0.05 Cent frankierten Brief zu verschicken. Erstmal zählen beigebracht. Unangenehm.
Dicke altkluge bizarr frisierte Frau samt ebensolcher Tochter vergrault. Starkes Tourette-Bedürfnis unterdrückt.

17.11.2004
Am Eingang von promoviertem Anzugträger nach einer Wegbeschreibung gefragt worden. Erteilt. Danach fragte er, ob ich Interesse hätte, einen Strukturvertrieb für Wellness- und Beauty-Artikel mitaufzubauen. Nach meiner Telefonnummer gefragt. Verweigert. Visitenkarte erhalten.

Wie tief kann man eigentlich noch sinken?

19.11.2004
Eben per joystick-manövrierbarer Kamera live die Schandtat (inc. der Festnahme) eines schäbigen Schuhdiebes am Monitor verfolgt. Jagdinstinkt stimuliert und massive Kontrollgefühle verspürt. Safari-Urlaub angedacht.

23.11.2004
Dienstliche Massregelung von minderjährigen Kosovo-Albanern mit aufgeschrappten Faustknöcheln vermieden. Danach mentale Reproduktion rassistischer Stereotype ("atavistisches Drecksvolk").

26.11.2004
Während der Innenbestreifung von Abteilungsleiter mit väterlich-gönnerhaftem Schulterklopfen auf der Rolltreppe gelobt worden und ins faschistoide Fachsimpeln abgedriftet:
"Ah. Gibt auch immer weniger Gesocks hier drinnen, ne!"
Schizo-modus. Gedacht: "Bek*ckter F*schist*!"
Sach ich: "Naja. Spricht sich eben rum, das hier ´ordentlich aufgeräumt´² wird."
Meint er: "Hoho. Die ziehts immer dorthin, wos am wenigsten Widerstand gibt."

² Terminus Technicus in der Branche

29.11.2004
Kurzer Small-Talk am Eingang mit ca. 55jähriger Frau mit zartem Bart in Begleitung ihres 30jährigen Sohnes, augenscheinlich mit erhöhtem Förderbedarf gesegnet.
Sie nestelt gereizt an einem Bündel Tannenzweigen und zieht mich ungefragt ins Vertrauen: "Eben, also eben, da war ich ja sowas gereizt, wütend...". Ich, sensibel und mitfühlend: "Jaja. Der Weihnachtrummel, gell..." Meint sie zu mir, bekräftigt mit einem Wink ihres Kopfes in Richtung ihres Sohnes: "Der nervt... weil er behindert ist! Aber jetzt sind wir uns quitt!" Äh!

01.12.2004
Familiengeburtstag! Spassiger Suff im Kreis der Anverwandten.
Durch Mundart-Performance im "Sacht er zu mir- sag ich zu ihm-Stil" aus dem Wachmannleben meinen Familienstatus massiv angehoben.

01.12.2004

Von orientalisch wirkendem Bürger nach längerer Begutachtung nach dem Sinn und Grund meiner Arbeit befragt worden. War irritiert und meinte nur , das wäre hier Mode. Als ich ihn fragte, warum er sich überhaupt dafür interessierte meinte er nur: "Ich bin Palästinenser." Aha, dachte ich mir, auch eine Antwort. Auf meine hochgezogenen Augenbrauen erklärte er mir, dass er in Israel wohne. Ich nickte, ohne zu verstehen. Er schien Gefallen an unserem Gespräch zu finden und genoss es verwundert, mit einem unbewaffneten einzelnen Wachmann zu plaudern, der noch dazu keine Notwendigkeit hat, seine ID-Card zu prüfen und ihn zu durchsuchen. Auch wenn ich vermute, dass er es irgendwie vermisst hat.

03.12.2004
Wachmann-Kündigung zum 31.12. angesagt. Ab ins nächste Level. Leider Entzug von Bestätigung befürchtet.
Deshalb, liebe Leser, Vorschlag für einen guten Vorsatz für 1.1.05: Lobe jochmet!

07.12.2004
Aufgrund meiner Kündigung und dem Wunsch nach einem angemessenen Arbeitszeugnis überengagiertes Vorgehen gegen französische Gaststudentin am dem Tag gelegt.
Vom Boss subtil kritisiert worden. Pappnasen.

16.12.2004
Während drei Bekannte aufgeregt gackernd grüssten, ditschten sie gegen die pendelnde, gläserne Schwingtüre.
Eine günstige Gelegenheit, um endlich mal wieder kopfnickend mit altklugen Belehrungen auftrumpfen zu können. "Jaja. Das kommt dabei raus, wenn man nicht geradeaus guckt!"

21.12.2004
Letzter Arbeitstag. Ein Höllentag. Weihnachtswahnsinn und gleichzeitiger allgemeiner Schulschluss wegen Ferienanfang. Allgemeine Massen-Manie diagnostiziert. Aufgeräumt wie ein junger Gott und dabei mit dummen Sprüchen nicht gegeizt. Peitschenphantasien (aktiv).

Wieder gute Stimmung mit dem Boss, nachdem ich am vorletzten Arbeitstag im falschen vorauseilenden Gehorsam eine 11-jährige, vermeintliche Playmobil-Diebin aus Verpeilung dingfest gemacht habe. Trotzdem gutes Zeugnis erhalten:
"Bei seinen Bestreifungen war Herr **** auch im Umgang mit schwierigen Kunden´stets freundlich, aber bestimmt."

28.5.2005
Gestern Nacht wurde ich (mit ca. 2,1%) jäh von einem dunklen Kapitel meiner Vergangenheit eingeholt, das ich für abgeschlossen hielt.
Auf einer grossen Kommune-Party traf ich mehrere Anarchisten mit gutem Gedächtnis. Sie konfrontierten mich erbarmungslos mit meiner früheren Tätigkeit als uniformierter Kaufhaus-Sicherheitsdienstler (s. Archiv Oktober-Dezember).
Nachdem ich den ersten freundlich-spöttischen Angriff von einem Kollektivbetriebsgründer noch mit "du dynamischer Jungunternehmer" wegloben konnte wurde es heikler.
Es ergab sich ein Gespräch mit einer Genossinn, die seit meiner besagten Arbeit eigentlich weder mit mir sprach noch den Gruss erwiderte. Überraschend hat sie gestern im Suff eine Ausnahme gemacht und mir ihren Unmut erläutert.
Ich wusste nur noch vage, das sie, anders als die meisten Frauen, nicht gerade von mir in Fantasie-Uniform begeistert war und stark irritiert auf meinen Anblick reagierte, aber gut... Jetzt weiss ich wenigstens, woran es genau lag. Der Vorwurf lautete, das ich gesellschaftliche Normierungsverhältnisse reproduziert haben soll. Strange.
Noch dazu hätte ich nach der gebotenen Erläuterung meiner Arbeit (potentielle Diebe kontrollieren & festhalten) auf autoritäre Art einen mahnenden Spruch gekloppt, der die Gute massivst beleidigt habe: "Bitte tue nichts, was uns beiden leid tut!" Hm...



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